Raus aus dem Denken, rein ins Leben

Es ist Sommer. Die Sonne brennt auf die Erde nieder, erhitzt den Boden, das Meer, die Luft und die Gemüter. Ich freue mich auf das Abendessen in einem wirklich grandiosen Hotel, irgendwo im Nirgendwo auf dem spanischen Festland. Es ist ein langer Tag gewesen mit vielen Stunden im Auto, unzähligen neuen Eindrücken und einer wieder entdeckten Freude für die Landessprache.

Ein gut aussehender junger Mann empfängt uns vor dem Restaurant und hat bereits unsere Zimmernummer notiert, noch ehe wir sie selbst preis geben können. Man kannte uns offensichtlich, obwohl wir erst wenige Stunden im Hotel waren. Woran lag das? Lag es daran, dass wir die einzigen Deutschen waren? Lag es daran, dass er ein Superbrain war? Meine Sprachkenntnisse reichen nicht aus, um es herauszufinden und so freuen wir uns darüber und schreiten frohen Mutes in den Speisesaal.

Ein unbeschreiblicher Lärm hallt uns entgegen. Es ist ein Misch aus Unterhaltungen, Kindergeschrei, Geschirrklappern und Kochen in Einem. In dem Saal befinden sich ungefähr 400 Gäste, die ebenfalls hungrig sind und sich offensichtlich gern unterhalten. Wir finden einen ruhigen Tisch im Wintergarten und sind zunächst sehr still. Der Lärm wirkt irritierend auf uns und wir haben Schwierigkeiten uns in irgendeiner Weise zu verhalten.

Doch der Hunger macht sich bemerkbar, so dass wir uns in Richtung des Buffets bewegen müssen, um ihn zu stillen. Ich gehe als Erstes und bereits nach kurzer Zeit, fühle ich Verständnislosigkeit in mir aufkommen. Zu meinen Gewohnheiten und meinem Verständnis von Respekt gehört es, Platz zu machen, wenn jemand vorbei gehen möchte, mich zu entschuldigen, wenn ich jemanden angerempelt habe und meinen Teller nicht randvoll zu packen, wenn ich schon vorher weiß, dass ich das sowieso nicht alles essen werde. Was ist mit diesen Menschen los? Ich nehme mir einen Augenblick Zeit, um mir das ganze Geschehen genauer anzuschauen. Was ich sehe erschrickt mich zutiefst.

Wie sehr hatte ich mir gewünscht, die spanische Sprache um mich herum zu haben, die Lebenslust der Spanier zu erleben, deren Freude am Tag zu spüren. Doch dieser Moment hat all das in Frage gestellt. War mein bisheriges Bild vernebelt von alten Erinnerungen? Was hat sich verändert?

Ich bin älter geworden, meine Vorstellungen vom Leben haben sich verändert und ich habe eine andere Haltung mir, meinen Mitmenschen und dem Leben gegenüber entwickelt. Es fällt mir schwerer, Verhaltensweisen gut zu heißen. Dennoch gibt es in mir einen Teil, der sich nach dem Unbeschwerten sehnt. Nach dem „einfach leben und das Leben genießen“. Raus aus dem vielen Denken, rein ins Leben.

Sonnenaufgang am 27.07.2019 in Mojacar / Spanien

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